Gypsy: Jean


Die Netflix-Serie Gypsy gehört zum Unheimlichsten, was ich seit langem gesehen habe. Das mag überraschen, liegt aber daran, dass das Unheimliche dann am unheimlichsten ist, wenn es realistisch daherkommt und uns selbst betrifft.

Die Psychotherapeutin Jean ist eigentlich ganz nett. Sie bemüht sich, eine gute Mutter zu sein und kämpft dabei, ebenso wie in ihrer Ehe, darum, zwischen Alltagsstress und Midlifecrisis der Individualität und den Bedürfnissen der geliebten Menschen in ihrem Leben gerecht zu werden. Unter anderem das macht sie eben so realistisch und zunächst auch anschlussfähig.
Ebenso ihre Arbeit: Ihre Tätigkeit als Teilzeitpsychotherapeutin in einer Gemeinschaftspraxis, die wöchentliche Supervision im Team, die ausführliche Dokumentation der Sitzungen – alles wie im echten Leben.

In diesem Setting, das Psychotherapeuten wie ich so oder ähnlich tagtäglich mit Jean teilen, entspinnt sich nun zunächst langsam, dann immer rasanter und letztlich unaufhaltsam, die Katastrophe: Eine Psychotherapeutin, die ihre Position, das Vertrauen ihrer Patient*innen und ihre Kenntnisse in Psychologie und Gesprächsführung ausnutzt, um eigene Bedürfnisse nach Unterhaltung, Zuwendung, Macht und Kontrolle zu befriedigen.

Jean verstößt dabei gleich gegen alle vier Grundsätze der Medizinethik:
  1. Autonomie: Patient*innen müssen über Sinn, Nutzen und Risiken jeder therapeutischen Intervention informiert werden, um sich autonom dafür oder dagegen entscheiden zu können. Jean jedoch beeinflusst und manipuliert ihre Patient*innen zunehmend im Sinne ihrer eigenen Ziele, der Verschleierung ihrer Absichten und der Vertuschung ihrer Lügen.
  2. Nicht-Schädigung: Nach dem auf Hippokrates zurückgehenden Prinzip "primum non nocere, secundum cavere, tertium sanare" (lat.: erstens nicht schaden, zweitens vorsichtig sein, drittens heilen) steht an erster Stelle jeder medizinischen Entscheidung der Schutz des Patienten vor unerwünschten schädlichen Wirkungen der Behandlung. Jean jedoch nimmt Schäden an der psychischen Stabilität und den sozialen Beziehungen ihrer Patient*innen in Kauf, ohne dass dies durch einen therapeutischen Nutzen für diese auch nur entfernt zu rechtfertigen wäre.
  3. Fürsorge: Unter Berücksichtigung der ersten beiden Prinzipien sind medizinische Behandler*innen verpflichtet, aktiv zum Wohle ihrer Patient*innen tätig zu sein, alle Möglichkeiten der Therapiemethode auszuschöpfen um ihre Genesung zu fördern. Jean jedoch vernachlässigt ihre Patient*innen zunehmend. Sie hört nicht mehr aufmerksam zu, denkt nicht mehr aktiv über deren Probleme und mögliche therapeutische Lösungsansätze nach, sondern ist gedanklich mit den für sie wichtigen und interessanten Themen beschäftigt und schenkt ihren Patient*innen ihre Aufmerksamkeit nur noch selektiv, wenn diese Themen berührt werden.
  4. Gerechtigkeit: Patient*innen sind nach allen Regeln der Kunst bestmöglich zu behandeln, unabhängig davon, ob die Therapeutin oder der Therapeut sie mag, sie interessant oder angenehm oder langweilig findet. Gerade hierfür ist eine gewisse therapeutische Abstinenz notwendig: Die privaten Leben von Therapeut*innen und Patient*innen sollten sich nicht überschneiden, da hieraus Konflikte zwischen dem Wohl von Patient*innen und den privaten Bedürfnissen von Therapeut*innen entstehen können – was in Gypsy eindrucksvoll aufgezeigt wird und zu massiver Ungerechtigkeit von Jean gegenüber einigen ihrer Patientinnen und Patienten führt.
Insofern ist Jean, gerade weil ihre Lebenswelt realistisch und ihre Bedürfnisse und Motive grundsätzlich nachvollziehbar sind, die Horrorvision einer Psychotherapeutin – schlimmer als die vielen kriminellen oder schwer gestörten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Filmen und Serien, die wir leicht in den Bereich der Fiktion und Fantasie verbannen können, wie z.B. in Dexter (Dr. Meridian, Dr. Vogel), Hannibal/Schweigen der Lämmer (Dr. Hannibal Lecter), Hide and Seek (David Callaway) oder Skins (Dr. Foster).
Übrigens, es gibt auch sehr gute Psychotherapeut*innen in Filmen und Serien. Mehr dazu ist im Charakterneurosen Podcast – Folge 18 zu erfahren!

Game of Thrones: Aryas Liste


Arme Arya! Von all den vielen Charakteren, die in Game of Thrones schlimme Schicksalsschläge und Verluste erleiden, gehört sie zu den jüngsten und den am härtesten getroffenen.  

Mit acht Jahren muss sie die Enthauptung ihres Vaters mitansehen, ist daraufhin ständig von Verfolgung, Folter, sexueller Gewalt und Tod bedroht, erfährt von der kaltblütigen Ermordung ihrer Mutter und ihres Bruders, verliert ihren besten Freund Gendry an die rote Priesterin, wird als Geisel genommen, wohnt unzähligen Kämpfen und Morden bei und wird schließlich unter unmenschlichen Bedingungen selbst zur Killerin ausgebildet. – Nicht der Werdegang, den man sich für ein Kind wünscht, nicht einmal in der brutalen Welt von Game of Thrones.

Wie schafft es Arya, an all dem nicht psychisch zu zerbrechen, nicht aufzugeben, vor Verzweiflung und Einsamkeit nicht depressiv oder suizidal zu werden, wie zum Beispiel Tommen Baratheon.

Eine wichtige Rolle scheint dabei ihre Todesliste zu spielen: Jeden Abend vor dem Schlafengehen und auch sonst, wenn sie große Angst hat, sagt sie sich gebetsartig die Namen all jener auf, die ihrer Familie Unrecht getan haben und die sich aus Rache dafür töten möchte. Die Liste existiert nicht auf Papier, wird aber ein wichtiger innerer Begleiter auf Aryas Weg. In Momenten, in welchen sie sich alleine fühlt, Angst hat, nicht schlafen kann – also genau den Momenten, in denen ein Kind sich normalerweise an seine Eltern oder andere wichtige Bezugspersonen wendet, wenn sie denn vorhanden sind, hilft es Arya, sich ersatzweise auf ihre Liste zu konzentrieren. Diese ist vertraut, lenkt die Aufmerksamkeit von den eigenen Gefühlen (Angst, Verzweiflung, Trauer) auf eine Machtphantasie, die sich mächtig und selbstwirksam anfühlt und stellt zudem einen ideellen Kontakt zu Aryas ausgelöschter Familie her, indem sie Aryas Verbundenheit mit den Ermordeten über deren Tod hinaus symbolisiert.  

Somit ist die Liste, bzw. deren bloße Vorstellung, eine Art Bindeglied zwischen Arya und den Menschen, die sie liebt, bei denen sie sich einst sicher gefühlt hat. Die Liste wird für Arya selbst zu einer Art Ersatz für Beziehungen zu anderen Menschen, wenn ihr diese nicht zur Verfügung stehen – was über weite Strecken der Handlung von Game of Thrones der Fall ist.

Was im Falle von Aryas Liste zugegebenermaßen etwas unkonventionell erscheint, ist eigentlich ein sehr normaler psychologischer Vorgang, der von dem Kinderpsychotherapeuten Donald Winnicott erstmals beschrieben wurde. Winnicott sprach von einem Übergangsobjekt, welches eine Stellvertreterfunktion einnimmt, die dem Kind hilft, sich zu beruhigen, wenn reale Beziehungspersonen nicht verfügbar sind. Ein erstes, recht typisches Übergangsobjekt stellt in der Entwicklung vieler Kinder ein Stofftier dar, zu dem das Kind eine innige Beziehung aufbaut und dass ihm dabei hilft, das Alleine sein oder das Einschlafen zu bewältigen. In einer idealen psychischen Entwicklung werden die positiven Gefühle, welche zunächst durch Bezugspersonen vermittelt und übergangsweise auf helfende Objekte projiziert werden, später internalisiert. Das bedeutet, Urvertrauen, Geborgenheit, Sicherheit und Ruhe werden nach und nach zu eigenen Gefühlen, die auch ohne die Präsenz von Personen oder Übergangsobjekten erlebt werden können, sofern keine manifesten Stress- oder Belastungsfaktoren vorhanden sind. Die meisten Erwachsenen können es gut aushalten einige Zeit alleine zu sein, alleine einzuschlafen, oder sich im Dunkeln aufzuhalten.

Andererseits verlieren Übergangsobjekte nie vollständig an Bedeutung: Glücksbringer, Erinnerungsstücke, der Fernseher, das Auto, Musik, Essen, Geld, Medikamente oder Homöopathika, Suchtmittel, selbst Phantasien und Ideologien können alltägliche, mehr oder weniger unproblematische Übergangsobjekte im Leben von gesunden Erwachsenen sein, die uns helfen, Gefühle von Einsamkeit, Angst, Unsicherheit usw. zu regulieren, wenn wir uns nicht an andere, uns nahe stehende Personen wenden können oder wollen.

The night is dark and full of terrors – wohl dem, der eine Liste hat!

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