13 Reasons Why/Tote Mädchen lügen nicht

Wie auch immer man über die vieldiskutierte Netflix-Serie 13 Reasons Why, auf Deutsch: Tote Mädchen lügen nicht, denkt, eines ist wohl unstrittig: Sie regt zum Nachdenken an.

Das Coming-of-Age-Drama ist in vielerlei Hinsicht authentisch, spannend, gut gespielt, und zeigt interessante jugendliche Charaktere, die differenziert und nachvollziehbar psychologisch gezeichnet sind und sich stark entwickeln dürfen. Wichtige Themen, wie Mobbing, sexuelle Gewalt (in all ihren Abstufungen), die Gnadenlosigkeit sozialer Gruppenprozesse und die Subjektivität im Erleben all dessen werden mutig aufgegriffen und konsequent erzählt.

Die jugendlichen Charaktere sind einerseits intellektuell so reif, meistern so viele Herausforderungen ihres Lebens mit bewundernswertem Mut und Durchhaltevermögen und sind andererseits so unsicher bezüglich ihrer Identität, so ausgeliefert den sozialen Zuschreibungen und so überfordert mit der Einordnung und Regulation ihrer starken Emotionen – so wie Jugendliche eben sind.

Der Psychoanalytiker Erik Erikson beschreibt in seinem bekannten Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung die Identitätsfindung als zentrale Entwicklungsaufgabe des Jugendalters. Wenngleich sich die Identität das ganze Leben lang weiterentwickelt, spielen Fragen der Identität, wie „Wer bin ich?“, „Wohin gehöre ich?“, „Was macht mich einzigartig/liebenswert?“ usw. im Jugendalter eine besonders große Rolle, was viele Jugendliche besonders verletzbar durch soziale Bewertungen und besonders beinflussbar durch sozialen Druck der Peer-Group (Gleichaltrigengruppe) macht.
Wird die Entwicklungsaufgabe der Identitätsfindung hinreichend gut gelöst, wird dies im Alter besser (ganz aufhören tut es allerdings nie, sorry). Mobbing, Gewalt und Diskriminierung jedoch erschweren es, eine stabile und sichere Identität zu entwickeln, da das eigene „So-sein“ immer wieder massiv infrage gestellt und abgewertet wird.

Wer als Jugendliche/r das Glück hatte, niemals Opfer von Mobbing oder anderen Übergriffen zu werden und keine schweren Identitätskrisen erlebt hat, mag eine Geschichte wie die von Hannah Baker, die sich aus Verzweiflung über ihre Identitätsunsicherheit und das Unrecht, das ihr angetan wurde, suizidal wird für übertrieben halten. Das ist sie aber nicht! Genau so fühlen sich unzählige Jugendliche und manche von ihnen sterben daran.

Und hier kommen wir zum kritischen Teil der Bewertung von 13 Reasons Why. Nicht wenige psychotherapeutische und psychiatrische KollegInnen kritisieren die Serie, weil sie befürchten, Hannahs Suizid und vor allem dessen Auswirkungen würden auf eine Weise dargestellt, die suizidgefährdete Menschen zur Nachahmung animieren könnte. 

So etwas ist tatsächlich möglich [1]. So gab es auch in den Tagen nach dem medial stark rezipierten Suizid des Fußballnationalspielers Robert Enke 2009 einen Anstieg an Suiziden nach ähnlichem Muster [2].

Die Forschung zu Risiken und Präventionsmöglichkeiten von Suiziden nennt dieses animiert werden zur Durchführung eigener suizidaler Handlungen infolge der öffentlichkeitswirksamen Darstellung ebensolcher Werther-Effekt, benannt nach der ersten bekannten medial ausgelösten Suizidwelle infolge des Erscheinens von Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther.

Der Werther-Effekt ist besonders stark, wenn die fiktionale Darstellung oder mediale Berichterstattung von Suiziden emotionalisiert, detailreich, verherrlichend oder romantisierend ist und die Persönlichkeit und ihre individuellen Beweggründe intensiv zu analysieren versucht. Es besteht das Risiko, einem Suizid große, als positiv erlebte Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen und damit die Phantasie zu befördern, diese im Falle einer Nachahmung auch zu bekommen. Die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention hat daher Empfehlungen für die mediale Berichterstattung über Suizide veröffentlicht [2].

Neben der Tatsache, dass Hannahs Suizid und die Aufnahme und Verteilung der Kasetten als hoch rationale, genial orchestrierte, mutige und damit geradezu bewundernswerte Taten dargestellt werden, scheint mir an 13 Reasons Why vor allem problematisch, dass uns intensiv der Eindruck vermittelt wird, dass Hannah, obwohl sie zum Zeitpunkt der Serienhandlung bereits tot ist, noch sehr direkt am Leben der übrigen Protagonisten teilnimmt. Dadurch, dass sie das Geschehen kommentiert, den anderen via Kassette bzw. Stimme aus dem Off Anweisungen gibt und dabei häufig deren Gedanken und Reaktionen in fast hellseherischer Weise antizipiert, wirkt es auf uns, als könne Hannah die Reaktionen der Anderen auf ihren Suizid, die Trauer, die Ratlosigkeit, die Scham- und Schuldgefühle, noch miterleben und, ja, genießen. So als würde ihr endlich Gerechtigkeit und Genugtuung zuteil.

Phantasien darüber, dass der eigene Suizid andere dazu bringen könne, ihr Handeln zu bereuen, endlich zu erkennen, was sie dem Suizidenden angetan haben, oder sich einfach nur stärker als zuvor der Bedeutung des Verstorbenen für das eigene Leben bewusst zu werden, können die Handlungsimpulse bei suizidalen Gedanken und Phantasien verstärken.
Dabei ist es eine Illusion, diese Reaktionen noch in irgendeiner Weise miterleben, oder gar genießen zu können, denn wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr [3].

Ein weiteres, bei suizidalen Menschen häufig vorkommendes Gefühl, das sich auch auf Hannahs Entscheidung auswirkt, ist dass der eigene Tod eine Erleichterung oder Befreiung für die Anderen, also die Menschen im persönlichen Umfeld, paradoxerweise besonders die nahestehenden, sei. Das ist jedoch niemals der Fall. Die klinische Erfahrung zeigt, dass durch einen Suizid gravierende Belastungen, nicht selten bis hin zu ernsthaften psychischen Problemen, bei einer Vielzahl von nahestehenden Personen ausgelöst werden, teilweise können diese selbst suizidale Gedanken entwickeln.
Teilweise wird dies in 13 Reasons Why deutlich, vor allem an Hannahs Eltern, deren Leid unerträglich scheint und offenbar nicht abklingt. Auch an Alex werden die dramatischen Auswirkungen von Hannahs Suizid deutlich. Clay hingegen scheint am Ende der Serie entlastet, vermutlich, weil er das Gefühl hat, das Richtige getan und eine Art Gerechtigkeit für Hannah hergestellt zu haben – eine Möglichkeit die in der Realität selten besteht.

Das macht Hannahs Entscheidung, sich in Form der Kassetten an diejenigen zu wenden, die sie für ihren Tod verantwortlich macht, auch zu einem hochaggressiven Akt. Einige der Betroffenen haben sich an ihr schuldig gemacht, andere hätten ihr möglicherweise geholfen, wenn es ihr gelungen wäre, sich ihnen zu öffnen.

Hier macht die Serie aus meiner Sicht nicht genug deutlich, dass Hannah Hilfe hätte bekommen können. Ihre Eltern, Clay, Tony und vermutlich auch andere (den offenbar mit der Situation überforderten und peinlich inkompetenten Beratungslehrer ausgenommen) hätten ihr geholfen, wenn sie ernsthaft Hilfe eingefordert hätte. Dies gelingt ihr jedoch nicht. Stattdessen macht definiert sie für sich Anforderungen, die so hoch und Aufforderungen die so indirekt sind, dass die Anderen daran nur scheitern können. Sie scheint sich unbewusst selbst bei ihrem Versuch, Hilfe zu bekommen zu boykottieren. Vielleicht weil die Phantasie, sich durch die Kassetten und ihren Tod vom Opfer zur Rächerin zu machen und endlich die anderen Leiden zu sehen, bereits zu starke Attraktion auf sie ausübt. Damit handelt Hannah leider ebenso egozentrisch und unempathisch, wie Bryce, Justin und all die anderen.  

So sehr ich Freude daran hatte, diesen Jugendlichen durch ihre Geschichte von Identitätssuche, Persönlichkeitsentwicklung, Schmerz, Trauer, Scham, Schuld, Sühne und Genugtuung zu folgen, überwiegt in der Gesamtbewertung von 13 Reasons Why doch die zu leichtfertig in Kauf genommene Möglichkeit, dass Hannahs Überlegungen und Handlungen ein hohes Identifikations- und Nachahmungspotential haben.

In Zeiten von VoD lässt sich noch weniger als zuvor sicherstellen, dass so gute, aber auch potentiell gefährliche Stoffe wie 13 Reasons Why nicht von der falschen Person zum falschen Zeitpunkt in ihrem Leben angesehen werden.

Darum, auch wenn es schade gewesen wäre, hätte Netflix die Serie, so wie sie ist, lieber nicht zeigen sollen.


[1] vgl. z.B. Pirkis & Blood (2010) 
[2] vgl. DGS (2010) 
[3] nach Epikur 


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Suits: Harvey Specter (Update)



Harvey Specter, der schicke Super-Anwalt aus Suits, zeichnet sich vor allem durch zwei Dinge aus:
  1. Er ist davon besessen zu gewinnen, wobei es ihm meist nicht primär um den Fall oder den Mandanten geht, sondern um den gegnerischen Anwalt, den er um alles in der Welt besiegen und übertrumpfen muss. 
  2. Harvey ist kompromisslos ehrlich (es sei denn, die Strategie in einem Fall verlangt es vorübergehend anders) und erwartet dies auch von allen, die mit ihm zusammenarbeiten und ihm nahe stehen. 

Während die konsequente Ehrlichkeit bewundernswert ist – verlangt sie doch große Charakterstärke – machen das zwanghafte Konkurrieren und die Brutalität, mit der er alle behandelt, die seinem Sieg im Wege stehen, Harvey nicht immer sympathisch. 

Wie Harvey so geworden ist, erfahren wir von ihm selbst und die Tatsache, dass er, der kaum einmal etwas Persönliches erzählt, Mike Ross gerade diese Schlüsselszene berichtet (wenn auch bekifft), zeigt, wie wichtig sie ist: 
Mit sechzehn Jahren fand Harvey heraus, dass seine Mutter seinen Vater, einen Musiker, betrog. Weil er den Vater nicht verletzen wollte, behielt er das Geheimnis zwei Jahre lang für sich, bis seine Mutter die Familie schließlich verließ und den Vater gebrochen und gedemütigt zurückließ. 
Der junge und verletzte Harvey zog aus seinem Schmerz, ohne sich dessen bewusst zu sein, zwei Lehren, die sein weiteres Leben bestimmen sollten.
  1. Wer sich emotional bindet und dadurch abhängig macht, wird verletzlich und kann, wenn es schlecht läuft, als geschlagener Verlierer zurückbleiben. 
  2. Lügen verletzen den Belogenen und verursachen schlimme Schuldgefühle bei demjenigen, der gelogen hat. 


Harveys Bemühen alles und jeden zu dominieren um stets Herr der Lage zu sein und sich niemals auf die Güte oder das Mitleid anderer verlassen zu müssen, sowie seine kompromisslose Ehrlichkeit, sind eine direkte (für Harvey unbewusste) Reaktion auf den Schmerz, die Schuldgefühle und die Angst, die er als Sechzehnjähriger durchlitt. 
Wenn, wie in diesem Fall, unbewusste Gefühle und Motive den Charakter eines Menschen in entscheidender Weise prägen, spricht die Psychologie von einer Reaktionsbildung

Doch auch wenn Harvey es nicht gerne zugibt, gelingt es immer wieder einzelnen Menschen, z.B. Mike und Donna, sich in sein Herz zu schleichen – auch weil sie intuitiv verstehen, dass Harvey, um sich sicher zu fühlen, in der Beziehung immer die Oberhand behalten muss. Dafür jedoch gewinnen sie einen stets loyalen Freund und Mentor, der für sie bis zum letzten zu kämpfen bereit ist. 

UPDATE - Staffel 5

Den Psychologen kann es nur freuen, dass der doch sehr glatte Harvey der ersten vier Staffeln, der so gut wie jede unerwünschte Gefühlsregung vermeiden zu können scheint, nun etwas differenziertere, weniger souveräne und damit menschlichere Züge bekommt. 
Es wird deutlich, dass Harvey, auch wenn er Gefühle wie Nähewünsche, Einsamkeit und Verlustangst sehr umfassend verdrängt, diese, wie jeder Mensch, dennoch hat. 

Nach tiefenpsychologischem Verständnis ist die menschliche Psyche bipolar aufgebaut, was uns antreibt ist nie eindimensional: Wir streben nach Selbstverwirklichung und nach Verbundenheit. Nach Kontrolle und nach Anleitung. Nach Unabhängigkeit und nach Versorgung durch andere. 

So auch Harvey: Durch Donnas kompromisslose Loyalität und Verehrung musste er sich, trotz der konsequenten Verleugnung seiner Bedürfnisse nach emotionaler Nähe, niemals wirklich alleine fühlen. Bewusst kultivierte er eine Eigen- und Fremdwahrnehmung als unabhängiger, grenzenlos selbstbewusster Draufgänger, der keinerlei sozialen Rückhalts bedarf, während unbewusst vor allem Donna ihm doch die Sicherheit vermitteln konnte, nicht alleine zu sein. 

Wie wichtig dieser andere Pol des Abhängigkeits-Unabhängigkeits-Kontinuums auch für Harvey ist, zeigt sich ihm und uns als Zuschauer erst, als die Beziehung zu Donna distanzierter wird, er sie vermutlich sogar ganz zu verlieren fürchtet.
Die lange verdrängten Gefühle von Abhängigkeit und Verlustangst werden durch den drohenden Verlust Donnas verstärkt, darüber hinaus wird vermutlich die Enttäuschung Harveys über den Vertrauensbruch seiner Mutter, welchen er ebenfalls als eine Art Verlassenwerden  erlebt hat, aktualisiert, nun, da er erneut fürchten muss, die wichtigste Frau in seinem Leben zu verlieren.

Die verdrängten Ängste drängen immer mehr ins Bewusstsein und manifestieren sich in Form von Panikattacken. Panikattacken sind  Anfälle plötzlicher, starker Angst, welche durch eine Vielzahl von Symptomen, beispielsweise Herzrasen, Brustschmerzen, Erstickungsgefühle, Schwitzen, Schwindel oder Entfremdungsgefühle gekennzeichnet sein kann. Treten diese Panikattacken ohne erkennbaren äußeren Auslöser auf, spricht man von einer sogenannten Panikstörung (ICD-10: F41.0). Da äußere Auslöser fehlen und die Betroffenen die inneren/psychischen Auslöser meist nicht direkt bewusst erkennen können, können sich nach den ersten Panikattacken sekundäre Ängste, wie z.B. einen Herzinfarkt zu erleiden, bewusstlos zu werden, oder auch verrückt zu werden, einstellen. So kann ein Teufelskreis der Angst entstehen, bei dem die "Angst vor der Angst" zu ständiger Wachsamkeit und Schreckhaftigkeit bei kleinsten körperlichen Angstsignalen führt, was wiederum das Auftreten von Panikattacken begünstigt.

Panikstörungen werden entweder kognitiv-verhaltenstherapeutisch behandelt, wobei der Patient über die psychologischen und physiologischen Vorgänge vor und während der Panikattacken aufgeklärt wird und lernt, seine Gedanken und Wahrnehmungen bewusst zu beeinflussen. Atem- und Entspannungsübungen kommen unterstützend zum Einsatz.
 
Liegt, wie bei Harvey, ein deutlich erkennbarer innerer Konflikt als Auslöser der Panikstörung vor, bietet sich ein tiefenpsychologisches Vorgehen an, welches seine (ansonsten nicht allzu professionelle) Therapeutin Paula richtigerweise für Harvey wählt: Indem sie ihn mit seinen abgewehrten Gefühlen gegenüber Donna und seiner Mutter konfrontiert und seine Auseinandersetzung mit diesen vorantreibt, ermöglicht sie Harvey, seine aktuellen und früheren Ängste bewusster wahrzunehmen und als Teil seines Gefühlsspektrums zu aktzeptieren. Dadurch müssen sie nicht mehr verdrängt werden und in der Folge auch nicht mehr kompensatorisch in Form von Panikattacken ins Bewusstsein drängen. Dadurch erhält Harveys Eigen- und Fremdwahrnehmung zwar ein paar Kratzer in auf ihrer makellosen Oberfläche - seiner Persönlichkeit und seiner Fähigkeit, wichtige Beziehungen zu pflegen, tut dies jedoch eher gut. 
Und, ganz ehrlich, der alte Harvey war auf die Dauer doch auch zu langweilig. 
  

Die Simpsons: Bart

"Kannst du nicht was Konstruktives machen?" - "Doch aber ich mach lieber was Destruktives!"

Dieser Dialog aus der zweiten Episode der elften Staffel der unsterblichen Simpsons beschreibt nicht nur die Beziehung zwischen Rektor Skinner und Bart Simpson, sondern steht symptomatisch für Barts Verhalten im Allgemeinen.

Bart zeigt alle Merkmale einer Hyperkinetischen Störung des Sozialverhaltens (ICD-10: F90.1), welche als Kombination einer Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörung (ICD-10: F90.0, bekannt als ADHS) und einer Störung des Sozialverhaltens (ICD-10: F91) definiert ist.

Bart erfüllt die Kriterien der für die Diagnose maßgeblichen vier Symptombereiche:
  1. Unaufmerksamkeit, z.B. Flüchtigkeitsfehler, Ablenkbarkeit, Schwierigkeiten zuzuhören, geringes Durchhaltevermögen bei als uninteressant erlebten Tätigkeiten
  2. Hyperaktivität, z.B. Zappeln mit Händen und Füßen, Herumspringen und –klettern in Situationen die Stillsitzen erfordern, allgemein lautes Verhalten, Schwierigkeiten sich ruhig zu beschäftigen
  3. Impulsivität, z.B. Unterbrechen oder stören anderer, Gesteigerter Redebedarf ohne Rücksicht auf soziale Konventionen, Ungeduld, Unfähigkeit zum Aufschieben eigener Bedürfnisse
  4. Störungen des Sozialverhaltens, z.B. Missachten von Regeln, Verweigerung gegenüber Forderungen von Autoritäten, Unüberlegtes Handeln, das andere ärgert, Lügen um Strafen oder Verpflichtungen zu umgehen, Zerstörung fremden Eigentums

Wie diese unvollständige Aufzählung zeigt, handelt es sich bei den Symptomen, insbesondere bei denen der ersten drei Punkte (welche ohne Punkt 4 die Diagnosekriterien des einfachen ADHS bilden), um Verhaltensweisen, die jedes Kind immer wieder zeigt und die vor allem bei jüngeren Kindern zum völlig normalen und für die motorische und psychische Entwicklung notwendigen Repertoire gehören.
Als Symptome einer psychischen Störung können diese Verhaltensweisen nur dann gelten, wenn sie zeitstabil, situationsübergreifend und für das Entwicklungsalter des Kindes unangemessen sind.

Wenngleich es Vertreter der Auffassung gibt, dass Aufmerksamkeitsstörungen ausschließlich durch genetisch bedingte Störungen des Hirnstoffwechsels verursacht werden, spricht vieles – inklusive der klinischen Beobachtung – dafür, dass, wie bei den meisten psychischen Störungen, eine Kombination aus genetischer Veranlagung (der sog. Disposition) und Umwelteinflüssen für die Erkrankung verantwortlich ist.

Eine genetische Disposition ist im Einzelfall schwer nachzuweisen. Es spricht jedoch einiges dafür, dass auch Barts Vater Homer Züge einer Aufmerksamkeitsstörung aufweist. Auch er ist häufig unaufmerksam und impulsiv. Hyperaktives Verhalten hingegen können wir bei Homer nur in Ausnahmefällen, wenn er von irgendetwas kurzfristig völlig eingenommen und begeistert ist, feststellen. Dies könnte dafür sprechen, dass bei Homer entweder ein ADHS ohne Hyperaktivität (dann gerne ADS genannt, in der ICD-10 kodiert als Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität F98.8) vorliegt, oder aber dafür, dass er seine Hyperaktivität seit vielen Jahren durch seinen chronischen Alkoholmissbrauch (ICD-10: F10.1) kontrolliert. In diesem Fall spricht man von Selbstmedikation. Diese ist bei Betroffenen von Aufmerksamkeitsstörungen, vor allem im Jugendalter, nicht selten und funktioniert nachgewiesenermaßen auch mit Nikotin und Cannabis (dennoch ist angesichts der erheblichen sozialen und gesundheitlichen Risiken selbstverständlich davon abzuraten!).

Welche Umwelteinflüsse könnten nun, neben einer möglichen genetischen Disposition, für Barts Störung maßgeblich gewesen sein? Auch hierbei scheint Homer die zentrale Rolle zu spielen. Entwicklungsschädliche soziale Umwelteinflüsse sind vor allem frühe Traumata und misslingende frühe Bindungserfahrungen. Ein Trauma ist ein belastendes oder ängstigendes Ereignis, das tiefe Verzweiflung oder Todesangst auslöst. Dass Bart von seinem Vater wiederholt und zum Teil völlig willkürlich gewürgt wird, könnte von ihm traumatisch erlebt und verarbeitet werden. Aber auch misslingende frühe Bindungserfahrungen, sogenannte Micro-Traumata, liegen zur Genüge vor: Bart wird von Homer beleidigt, beschimpft, belogen, manipuliert, ignoriert, benachteiligt und bedroht. Marge ist dagegen zwar eine sehr einfühlsame und fürsorgliche Mutter, allerdings sind diese Qualitäten für Bart nicht immer verlässlich verfügbar, da sie mit drei Kindern und einem außerordentlich unreifen Mann alle Hände voll zu tun hat. Zeitweise trinkt sie regelmäßig Alkohol um den Tag zu überstehen. Und auch sie gerät angesichts von Barts Verhalten immer wieder an ihre Geduldsgrenzen. Die subtile Ablehnung, die Bart in solchen Momenten auch von ihr erfährt, muss ihn umso mehr schmerzen, als seine beiden Schwestern so überaus pflegeleicht und wohlgefällig sind, dass sein eigenes Fehlverhalten vergleichsweise noch gravierender erscheint.

Man kann in der für Barts Störung typischen Symptomatik einen ambivalenten Versuch des Kindes sehen, mit den unzuverlässigen, sowohl ersehnten, als auch ängstigenden Zuwendungen der Eltern umzugehen. Das ruhelose, impulsive, teils aggressive Verhalten dienst zum Ausagieren der inneren Anspannung aufgrund der Bindungsunsicherheit, zum Erzwingen von Zuwendung durch die oft nicht wirklich aufmerksam-zugewandten Eltern und auch als trotzig-oppositioneller Protest gegen die erfahrene und erwartete Abweisung oder Aggression.

In der zu Anfang zitierten Simpsons-Episode wird Bart mit dem fiktiven Medikament Focusyn behandelt, das überdeutlich an das berühmt-berüchtigte Ritalin erinnert. Ritalin ist der bekannteste Handelsname des Wirkstoffs Methylphenidat, der zur Behandlung von Aufmerksamkeitsstörungen eingesetzt wird. Methylphenidat erhöht die Verfügbarkeit der Neurotransmitter Noradrenalin und Dopamin im Gehirn und kann sich positiv auf Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeit, Reizhemmung und Selbstkontrolle auswirken.

Obwohl die Leitlinien zur Behandlung von Aufmerksamkeitsstörungen in Deutschland eine medikamentöse Behandlung immer in Kombination mit Psychotherapie empfehlen, ist die Darstellung der Behandlung bei den Simpsons zwar überspitzt, aber leider nicht ohne Parallelen zur Realität: Vor allem Marge ist eigentlich gegen eine medikamentöse Behandlung, wird aber von Barts Schule und den behandelnden Ärzten davon überzeugt, dass diese die einzige Möglichkeit sei. Zitat des Arztes: "Focusyn reduziert Klassenclownerie um 44%. Wirkungsvoller ist nur sportliche Betätigung." Damit spielen die Autoren der Serie auf eine durchaus vorhandene Tendenz zur Verhaltensoptimierung und Intoleranz gegenüber Abweichungen von der Norm an, die auch die anderen Kinder betreffen: Milhouse muss Vitaminpillen nehmen, Martin Hormone, Nelson trägt gar ein Elektroschockhalsband zur Verhaltenskonditionierung.
Auch die Wahnvorstellungen, die Bart durch Focusyn bekommt, zählen zu den möglichen, allerdings äußerst seltenen, Nebenwirkungen von Methylphenidat.

Bei aller Kritik, kann eine medikamentöse Behandlung nach sorgfältiger Diagnostik und in Kombination mit Psychotherapie (und ggf. auch Familientherapie) aber durchaus sinnvoll und für die Betroffenen einen große Erleichterung sein. Insofern sind Marges abschließende Worte, nachdem sie Barts Focusyn abgesetzt hat, gar nicht so unwahr: "Ab heute gibt es nur noch Liebe, Umarmungen und ganz altmodisches Ritalin!"


Mehr über Bart und die anderen Simpsons gibt es im Charakterneurosen-Podcast zu erfahren

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